stil-los hat einen Aufruf gestartet, mal über Flohmärkte und Flohmarkterfahrungen zu beridhten und
Miss Harrcore hat dies zum Anlass genommen, einige interessante Überlegungen zu dem aktuellen "Vintage-Trend" anzustellen und da will ich auch mal meinen Senf hinzugeben:
Ich verbringe im Grunde jeden Samstag auf einem Flohmarkt (Insoweit kann ich leider nicht von meinen "ersten Flohmarkterfahrungen" berichten, sorry. Die sind nämlich gute 15 Jahre her und ich kann mich nur daran erinnern, dass ich damals für 10 DM ein Vintage Hermes Tuch erstanden habe, welches leider wärend einer akuten Finanzkrise im Studium seinen Aufenthalt bei mir beenden musste.).
Für mich ist das ein Samstagsritual: morgens auf den Flohmarkt, dann vormittags noch in 1-2 Brockenhäuser und dann gegen 12 Uhr gemütlich in einem Cafe frühstücken. Aber Vintage ist für mich etwas anderes als "Flohmarkt". Das einmal vorweg. 2ndhand ist für mich auch nicht "Vintage". Kleidung, die vom Flohmarkt oder aus dem 2ndhandladen kommt, kann "Vintage" sein, aber nicht jede ausgelatschten, verdreckten Schuhe aus den 80ern vom Flohmarkt sind "Vintage". "Vintage" sind für mich Kleidungsstücke, die den Stil einer bestimmten Ära verkörpern und zudem eine gewisse Hochwertigkeit aufweisen, was die Verarbeitung/den Zustand betrifft (ganz egoistisch: was sie für mich sammelwürdig macht). "Vintage" als Begriff ist für mich überdehnt & ausgelutscht.
Mit
Miss Harrcore stimme ich übrigens überein, dass die soziale Akzeptanz und In-Sein des "Vintage"-Looks mit der Finanzkrise zusammenhängt. Protzen ist "out" und das gepflegte Angeben hat seine gesellschaftliche Akzeptanz verloren. Es gilt als anrüchig, zu zeigen, wieviel Geld man hat und auch, auf Dinge zu setzen, die allzu "fashionable" sind und in der nächsten Saison schon wieder out (Genauso wie es inzwischen als anrüchig gilt, auf hohe Renditen im 2-stelligen Bereich zu setzen, während das vor 1-2 Jahren noch ganz anders war. Aber dies nur mal so am Rande.). Das gesellschaftliche Klimâ hat sich verändert. Nachhaltigkeit ist gefragt und Qualität, frei nach dem Motto "Ein etwas teurerer Mantel in einem klassischeren Design statt 5 Hasi & Mausi Fetzen, die im nächsten schon wieder unmodern und ausserdem abgewetzt sind.". Es ist sozusagen die Rückkehr der Mittelklasseprodukte, deren Untergang bekanntlich die letzten 5 Jahre immer wieder besungen wurde. Weder extrem billig (weils nicht hält) noch extrem teuer (weils irgendwie anrüchig ist), sondern ein akzeptables Preis-Leistungs-Verhältnis. Und wer es dann eben noch richtig günstig haben will, die gute Qualität, der kauft sich diese dann eben extrem günstig auf dem Flohmarkt. Mich erinnert diese Dynamik sehr an die Situation, als es vor ca. 10 Jahren in Deutschland auf einmal akzeptabel wurde, bei ALDI einzukaufen. Vorher war ALDI der Laden, wo die "Ausländer & Assis" einkauften, sich aber kein "respektabler" deutscher Bürger mit einem Durchschnittseinkommen hätte blicken lassen. Dann ging es den Deutschen Ende der 90er Jahre auf einmal relativ schlecht und es war vollkommen okay, bei ALDI einzukaufen (manche erinnern sich noch an die Kochbücher "Kochen mit ALDI" etc.). Und inzwischen ist es vollkommen normal und nicht mehr der Rede wert, wenn man bei ALDI einkauft, wobei ALDI sein Sortiment auch erheblich seinen neuen Käuferschichten angepasst hat...Lachs, Crevetten, Kräuter im Topf, Antipasti etc. gabs da früher nicht.
Es hängt meiner Meinung nach damit zusammen (und auch darin stimme ich mit
Fräulein Harrcore überein), dass eine entscheidende Frage ist, wei man das Kind nennt: "Vintageklamotten" klingen natürlich schon schicker & mehr arty-farty als "Flohmarktklamotten" und "Ich trage heute "Vintage." besser als "Ich trage heute was vom Flohmarkt.". Es klingt mehr nach Avantgarde, Individualität & Extravaganz, gut gewürzt mit einem guten Schuss Exzentrik als nach schmudelligen, müffelnden Klamotten, deren beste Zeit lange vorbei ist und die die letzten Jahre in einem muffigen Keller oder einem dito Dachboden verbracht haben. Im Grunde ist das alter Wein in neuen Schläuchen.
Ich persönlich hoffe übrigens für mich, dass das Vintage-Fieber gaanz schnell wieder vorbei ist, damit ich wieder meine Ruhe habe ;-). Vintage war für die "Freaks" nie Trend und wird es auch nie sein. Und wenn dieser Trend sich totgelaufen hat, dann werden die "Spinner" immer noch da sein. Und auf den Flohmärkten wirds dann auch wieder leerer ;-).
Ich habe vor 10 Jahren angefangen, Vintagekleider aus den 50er und 60er Jahren in Deutschland und in den USA zu kaufen, einfach aus der Not heraus, dass ich in "normalen" Geschäften (Hasi & Mausi, MANGO, Benetton, später dann ZARA) nichts gefunden habe, was zu meinem Stil gepasst hätte (ausserden Basics, also T-Shirts, Jeans etc.). Inzwischen gibt es auch in "normalen" Läden mehr, was mir gefällt & zu meinem Stil passt und so habe ich inzwischen die Luxus-Situation, dass ich nicht aus der "Not" heraus Vintage kaufe, sondern, weil ich die "Wahl" habe und lieber das gleiche oder tendenziell weniger Geld in ein hochwertiges Vintagestück investiere (was überdem auch seinen Wert behält), als in eine billige Kopie dieses Stils. Zudem sind sie meistens auch einfach "schöner", die Verarbeitung ist besser, die Stoffe qualitativ hochwertiger. Meine Wohnung ist im Grunde zu 80% oder 90% (3 Billys & 1 grosses bzw. 1 kleines Expedit) mit Vintage-, Trödel- oder Flohmarktsachen eingerichtet, weil es mir einfach lieber ist, ein schönes Stahlrohrbett aus den 30ern zu kaufen, welches die letzten 70 Jahre überlebt hat, als den gleichen Betrag in ein IKEA Bett zu investieren, welches den nächsten Umzug nicht überstehen wird (und zudem noch hässlich aussieht). Hinzu kommt, dass diese Einrichtungsgegenstände für Sammler immer einen Wert haben werden und es mir einfach viel besser gefällt, wenn Dinge eine Geschichte haben. Persönlicher irgendwie. Ausserdem gibt es da auch das "Jagdfieber", welches bei mir ausbricht, es macht einfach unglaublich viel Spass, verborgene Schätze zu entdecken und diese aufzuarbeiten.
So, jetzt mal ein paar Bilder von dem "Vintage"-Interior (bevor jemand fragt: nein, ich habe nicht alles fotografiert, was es an "Vintage" gibt, denn der ganze Deko-Kleinkram, Mocca-Sets, Gläser, Tassen, Bilder, Statuen, Bilderrähmchen, Klamotten, Schmuck etc. hätten den Umfang dieses Posts ganz sicher gesprengt). Mehr Bilder (von Deko und Details) könnt ihr aber beispielsweise
hier sehen.

Garderobe aus den 30s. Schränkchen daneben wahrscheinlich vor dem 1. Weltkrieg entstanden.

Blick in den Wintergarten, Bar aus den 50s. Sessel hinten Art Deco aus den 30s, Sessel vorne 50s-space-age-design.

Wintergarten mit den Sesseln, wurden in Heimarbeit neu bezogen.

Bibliothekn mit letztem Erwerb: Liegelandschaft aus den 30s (auch in Heimarbeit neu bezogen), rechts sieht man ein bisschen die Stahlrohrlampe.

Wohnzimmer: Sessel & Sofas aus den 50s, Stahlrohrtisch aus den 60s, Bogenlampe aus den 60s/70s (ja, es ist unordentlich, hatte aber keine Lust, jetzt da so eine aufgeräumte Poser-Spiesser-Idylle aufzubauen, wir sind ja schliesslich nicht bei "Schöner Wohnen", sondern bei "Pony Hütchen").

Küche: Tulpenstühle und -tisch aus den 60s. Sogar mal ein Designstück ;-).

Arbeitszimmer: Lampe aus den 50s, hat mir mein Vater geschenkt. Tisch würde ich mal auf 40s tippen, könnte aber auch früher sein (das Ding ist massiv und schwer wie Sau). Weitere Schreibtsichlampen auf dem Fensterbrett (falls einem mal nach Abwechslung zumute ist ;-)). Figur aus den 20s.

Schlafzimmer: Stahlrohrbett aus den 30s, passende Art Deco Schränkchen (selbst aufgearbeitet) & passende Art Deco Lampe. Bettwäsche von IKEA.